Metro Magazin
In diesem besonderen Artikel wird über die Architektur von Paragon City berichtet – und über den Mann, der sie geschaffen hat.
Paragon City, RI, 13. April, 2005
Von Jackson Turner - Times ChefredakteurIn 1931 gab es zwei Ereignisse, die Paragon City auf immer verändern sollten. In diesem schicksalhaften Jahr erschienen zwei sehr verschiedene Männer in der Stadt, die auch als die Wiege der Zukunft bezeichnet wird. Der eine, ein für lange Zeit verloren geglaubter Sohn, kehrte als Vorbote für den Aufstieg der mit Superkräften gesegneten Helden zurück. Der andere, ein Künstler fremdländischer Herkunft, sollte das Erscheinungsbild dieser Stadt grundlegend verändern. Beide jedoch sollten sich als Schlüsselfiguren bei der Schöpfung einer Stadt der Helden erweisen.
Rudolph Augustus Seifert, damals 33, hatte nicht die Absicht, an jenem kalten Morgen im Februar 1931 nach Paragon City zu kommen. Stattdessen war er auf dem Weg von Cambridge nach New York, als ein liegen gebliebener Zug auf den Gleisen vor ihm ihn dazu zwang, seinen Yankee Clipper auf einem Umweg Richtung Rhode Island zu steuern.
Der gebürtige Schweizer und Architekt, der unter so unterschiedlichen Mentoren wie Walter Gropius und Raymond Mathewson Hood studiert hatte, war auf seinem Weg nach New York City, um sich mit William Van Alen zu treffen, dessen Art Deco-beeinflusstes Chrysler Building im Vorjahr zu großem Beifall fertig gestellt worden war. „Mr. Alen und ich hatte bereits über mehrere Monate einen angeregten Briefverkehr unterhalten“, schrieb Seifert in seinen bis dato unveröffentlichten Memoiren, „doch erst jetzt wo meine jüngsten Werke in Boston und Cambridge fertig gestellt waren hatte ich die Möglichkeit diesen außergewöhnlichen Mann persönlich zu treffen. Wir hofften auf eine fruchtbare Kollaboration.“
Zu dieser Kollaboration sollte es nicht kommen. Als Seiferts Zug Central Station in der Nähe von City Park (jetzt Atlas Park) zum Halten kam, fiel sein Blick auf „diesen ungeschliffenen diamanten, eingefasst zwischen der winterlichen See und den ländlichen Hügeln Süd-Neuenglands. Ich fühlte, dass Veränderungen in der wie elektrisierten Luft lagen – sie war geradezu von einem Verlangen nach einer großen, heroischen Zukunft erfüllt. Bis zu dieser Erkenntnis war Paragon City für mich immer nur eine gewöhnliche, industrielle Hafenstadt gewesen, die auf der Suche nach ihrer Identität war und bekannter für die herrschende Korruption als für ihre Schönheit war.“
Die wirtschaftliche Depression begann, sich in jenem Jahr deutlich spürbar zu machen und verwandelte Paragon City in eine Stadt des rapiden Übergangs. Industrie und Handel. die Triebfedern einer jeden Hafenstadt, hatten vielen im privaten als auch im öffentlichen Sektor schnellen Reichtum und zweifelhaften Ruhm gebracht. Mit dem Jahr 1931 war der Überfluss von Unterstützung und Gelegenheiten abgeebbt. Das Verbrechen, sei es organisiert oder nicht, breitete sich aus wie eine Epidemie. Der Schwarzhandel florierte. Kriminelle und politische Rädelsführer führten skrupellose Kader an. In den Jahren vor der Depression waren Monumente der Architektur als Zeugnis dieser Orgie der Gier und des Ruhmes in allen Ecken und Enden der Stadt aus dem Boden geschossen.
„Es gab keinen höheren Zweck als die Befriedigung des Eitels“, schrieb Seifert. „Je größer und extravaganter das Gebäude war, so schien es, umso wichtiger war der Auftraggeber.“ An diesem Wintertage, an dem Seifert unwissend seinem Schicksal entgegentrat, lief Paragon City trotz seiner wirtschaftlichen Potenz und seines Reichtums Gefahr, sich den Ruf als künstlerischer und architektureller Schandfleck der Nordostküste einzuhandeln.
An diesem Tag war es Rudolph Seifert sofort klar, das sein Schicksal nicht New York sondern das rohe, unerfüllte Potential von Paragon City war. Er sah voraus, dass er den Rest seines Lebens der Umgestaltung seiner neuen Lieblingsstadt widmen würde. Später sollte er schreiben „Marcus Cole (Statesman) und die anderen Helden zeichneten für das physische Wohl von Paragon City verantwortlich. Meine Bemühen galt der Ästhetik, der Kunst – dem Andenken an die Helden der Vergangenheit und der Stiftung von Hoffnung für die Helden der Zukunft – Form geworden in Beton, Stahl, Ziegeln und Mörtel.“
In diesem Moment brach die Dämmerung der Helden in der Stadt an. Paragon Citys verlorener Sohn war mit einer Mission zurückgekehrt. Wie Seifert, so erkannte auch Marcus Cole das Potential von Paragon City. Unter dem Namen Statesman begann Cole die Transformation der Stadt ausgehend von ihren Hinterhöfen und Pflasterstraßen. Seifert hingegen begann mit einem einzigen Bauwerk.
Ashburn und Cross waren diejenigen, denen Seifert seine Vision des neuen Paragon antrug. Als die beste Architekturfirma von Paragon hatten Ashburn und Cross die meisten der wichtigen Strukturen der letzen dreißig Jahre gebaut. Trotz der Notwendigkeit, Aufträge anzunehmen, um ein Einkommen zu sichern, gelang es der Firma, ihre Integrität und ihren Ruf in Architekten-Kreisen aufrechtzuerhalten und sogar das Stigma schwächerer Firmen zu vermeiden und zu der Ästhetik, die der Stadt noch erhalten geblieben war, beizutragen.
„Rudolph Seifert war keine imposante Figur; er war zierlich gebaut und hinkte, nachdem er als Kind der Kinderlähmung zum Opfer fiel. Trotzdem hatte er die Aura eines mit einer Offenbarung beseelten Mannes“, schrieb Alexander Cross, der damals alleiniger Eigentümer von Ashburn und Cross war (William Ashburn war 1929 gestorben). „Ich kannte selbstverständlich seine Bauwerke in Boston und war daher nur allzu gespannt, ihn anzuhören.“
Obwohl in Seiferts Kopf große Pläne für die Stadt schwirrten, war er besonnen genug, um nur ein einziges Projekt vorzuschlagen – eines, dass er ursprünglich William Van Alen hatte vorschlagen wollen. „Zu jener Zeit befassten wir uns gerade mit dem Anfangsstadium eines neuen Entwurfes - “, schrieb Cross, „Ein Grand Hotel ganz in der Nähe des City Parks am Paragon-Ring. Seiferts Entwurf war wunderschön – viel eleganter und großartiger als wir ihn uns je vorzustellen gewagt hatten. Wir wussten sofort, dass die Auftraggeber des Hotels nichts anderes mehr wollen würden, wenn sie einmal diese Pläne gesehen hatten.“
Zu diesem Zeitpunkt war eine Partnerschaft geboren, die den Maßstab für die Erneuerung von Paragon City für die nächsten 40 Jahre setzte. 1933 erlebte Seifert, der nun ein vollwertiger Partner in Cross’ Firma war, die Fertigstellung des nun legendären Hotel Geneva (des Originalgebäudes in Atlas Park). Das Hotel, ein emporragendes Symbol für elegante Form und Funktion, das im Zuge der Rikti-Invasion teilweise zerstört und später wieder aufgebaut wurde, empfing über die Jahre Könige, Präsidenten, Helden, und bekannte Künstler aus aller Welt als Gäste.
Andere Meisterwerke folgten auf dem Fuße: der Bradbury Tower, das Campbell Building, das Gernsback, und viele mehr. 1939 schuf er die Architektur-Kommission Paragon, deren Vorsitz er übernahm und die die architekturelle Revitalisierung der Stadt koordinierte und überwachte. „Trotz der wirtschaftlichen Depression, die die Träume und Hoffnungen der Nation zunichte machte, war es eine aufregende und fordernde Zeit“, schrieb Seifert. „Eine neue Macht kam in der Stadt zum Vorschein – Statesman stellte sich der Epidemie der Gesetzlosigkeit entgegen und viele Gleichgesinnte traten ihm zur Seite. Es war, als ob die alten Götter die Stadt erneut heimsuchten. Ich wollte das Paragon City diese Atmosphäre widerspiegelte. Ich wollte eine wahre Stadt der Helden schaffen.“
Trotz Seiferts zahlreicher Beiträge zu einer Stadt, die den Prinzipien der Helden, die er bewunderte gerecht wurde, wurde sein Lebenswerk von einer Leistung gekrönt, die aus der Asche des Krieges und aus dem Blut und der Ehre von Patrioten geboren wurde. An jenem dunklen und berüchtigten Dezembertag im Jahre 1941, an dem so viele Helden sich selbstlos der drohenden Invasion entgegenstellten und so viele in den Wirren der nächsten Jahre nicht mehr nach Hause zurückkehrten, schwor Seifert, diesen Opfern ein Denkmal zu setzen. „Die Gefallenen betrauten mich mit der heiligen Pflicht des Andenkens. Mit dem mir gegebenen Talent und dem mir zur Verfügung stehenden Werkzeug suchte ich ein Denkmal in einer Form, die dem fast mythischen, legendären Status gerecht werden würde – der Neoklassik. Im Krieg wurden so viele Opfer gebracht, um unsere Stadt, unsere Nation und unsere Welt von der Tyrannei zu befreien – mein Wunsch war, dass dieses Bauwerk für alle zu sehen sein würde und allen zur Inspiration dienen würde. Es würde das in Stein gehauene Andenken an sie sein.“
Im April 1946, als der lange Winter in Neuengland endlich den Rückzug antrat und die Bäume in den neuen Parks des Stadtzentrums zu blühen begannen, stand Seifert Seite an Seite mit Statesman und den überlebenden Helden seines Corps und alle neigten ihre Häupter in stummer Andacht. Statesman richtete sich auf und salutierte der nun fertig gestellten Statue von Atlas. Rings um ihn herum ragten elegante, riesige Statuen der gefallenen empor die sich dem hellen Himmel entgegenzustrecken schienen. „Für die Vergangenheit, für die Gegenwart und für die Zukunft“, sprach er die tausenden an, die sich hier versammelt hatten, „widme ich Atlas Park als Denkmal den Gefallenen. Alle, diese Stätte besuchen, werden durch ihre heldenhaften Taten inspiriert werden. Wir stehen tief in ihrer Schuld. Wir werden ihre Opfer nie vergessen.“
Obwohl Seifert in seinem langen Arbeitsleben viele preisgekrönte Gebäude vollendete, bleiben Atlas Park und Valor Bridge in Independence Port seine berühmtesten Werke. „Ich schulde den Helden von Paragon City mein Herz, meine Träume, ja, meine Existenz … dies war der einzige Möglichkeit, meinem tiefen Dank Ausdruck zu verleihen.“
Rudolph Augustus Seifert, Ehrenbürger von Paragon City, Visionär und Künstler, verstarb 1981. Er war 83. Er hatte nie geheiratet.










