Sonder- Feature
Wird Sister Psyche je zurückkehren?
Paragon City, RI, 20. April, 2005
Von Jackson Turner - Times ChefredakteurVon Schatten umhüllt liegt sie reglos und still in einem kleinen, abgesicherten Zimmer auf einem geheim gehaltenen Stockwerk des Bell Medical Centre in Independence Port - ein Dornröschen, das auf den telepathischen Kuss wartet, der sie aus einem dreijährigen Traum befreit. Unter dem Namen Sister Psyche ging sie nach ihrem heldenhaften Kampf gegen die Rikti in die Geschichte ein; ihr verwundeter Geist jedoch suchte Zuflucht in einem Ort jenseits des Physischen.
Für jene, die sich zur täglichen Wache um sie versammeln – Kameraden, Freunde und Familie ¬– ist sie jedoch einfach Shalice.
Die Resultate des CT, der Kernspintomographie und des EEG zeugen nicht von Nervenschäden und die offizielle Diagnose lautet Koma der Stufe 1 auf der Rancho Los Amigos-Skala, was Stufe 3 der Glasgow Koma-Skala entspricht. Wenn ihre höheren Funktionen auch intakt scheinen, so befindet sie sich sie seit 2002 in tiefem Schlaf. Soweit die klinischen Beobachtungen. Sister Psyche war jedoch niemals durch die Grenzen ihrer physische Existenz gebunden. Wenn ihr Körper auch im Bell Medical Center gefangen ist, hat ihre Seele, ihr Bewusstsein, eine zarte Verbindung zur physischen Ebene gesponnen – in der Gestalt einer jungen Frau namens Aurora.
Aurora beschrieb es einst als ein Flüstern. Einen telepathischen Atem. Einen leichten, kühlen Regen, der sie benetzte. Vor dem Konzil der FBSA verschrieb sie sich dieser Verbindung. Es war unleugbar – Sister Psyche lebte. Mit der offiziellen Billigung der FBSA und ihrer Kollegen bekannte Aurora sich ohne Zögern zu Sister Psyches Gegenwart. „Ich wurde von ihr auserwählt“, waren Auroras Worte vor dem Konzil. „Aus welchen Gründen auch immer wandte sie sich an mich und ich werde sie nicht enttäuschen.“ Von diesem Moment an hielt Aurora die Stellung vor dem Krankenhaus und ist stolze Trägerin des Namens Sister Psyche. „Mir wurde etwas Geheiligtes anvertraut. So lange diese Verbindung besteht, gibt es Hoffnung.“
Für diejenigen, die Sister Psyche am längsten kannten, stellte dies eine Möglichkeit dar, ihren Geist wach zu halten, bis sie zu ihrem eigenen Körper zurückkehren konnte. Den Glauben daran, dass sie eines Tages zurückkehren würde, wollte niemand aufgeben - ganz besonders nicht Paragon Citys mächtigster Held. Es überraschte niemanden, dass Statesman oft lange Stunden bewegungslos an der Seite Sister Psyches an ihrem Krankenlager ausharrte.
Der Auszug aus dem 2003 mit Statesman geführten Interview erklärt dies: „Wir haben viele an die Rikti verloren. Die Tragweite dessen betäubt den Geist zu dumpfer Resignation. Jeder Gefallene, jeder Verwundete, all die Freunde … wie kalte Stahlklingen durchbohren sie das Herz. Man hört nie auf, die Frage zu stellen: Sei der Einsatz auch noch so edelmütig - ist er das größte aller Opfer wert?“
Alles in allem wurde Auroras Verbindung als wundersames Geschehnis aufgefasst, doch nicht jeder sah dies mit solch ehrfürchtigen Augen. Der Blick von Calvin Scott, Auroras Ehemann, war durch Zweifel und Ängste getrübt. Er unterstützte seine geliebte Frau sehr, aber fürchtete zugleich um ihr Leben und ihre geistige Gesundheit. Nachdem er von einer neuen Bedrohung durch den Dornenkreis erfahren hatte, die sowohl die Verbindung als auch den Wirt selbst zu zerstören drohte, wusste Scott, dass er handeln musste. Gab es eine Möglichkeit, dieses Schicksal abzuwenden? Konnte er seine Frau und Sister Psyche befreien, ohne sie beide zu vernichten?
Es galt, Pläne zu schmieden. Er setzte Dinge in Bewegung – Dinge, die drohten, Ereignisse und Umstände, die weit außerhalb seiner Kontrolle lagen, zu entfesseln. Er musste sich fragen, ob er zu weit gegangen war, ob die Konsequenzen seiner Ängste den Gang der Geschichte auf ewig ändern sollten. Letztendlich aber sah er sich gezwungen, zu tun, was er für richtig hielt. Mit der Hilfe der Helden von Paragon City gelang es ihm, einige geheime Folianten des Dornenkreises zu bergen und ein Ritual zur Trennung der beiden heroischen Frauen zu beschwören.
Aurora fühlte die Veränderung in ihrem tiefsten Inneren und ihre erste Gefühlsregung war Panik. Die Verbindung wurde Schicht um Schicht gleichsam von ihr geschält. In schmerzlicher Introspektion rang sie nach der gewohnten Gegenwart in ihrem Innern. „Sister Psyche? Sister Psyche? Shalice?“ Ein schwaches Gemurmel erreichte sie wie aus großer Ferne. Aurora sprach aus, was sie von Sister Psyches Geist wahrnahm: „Ich kehre heim.” Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie die FBSA kontaktierte.
Der Bericht des Krankenhauses schien diese Veränderungen zu bestätigen. Diese Veränderungen waren sowohl beängstigend als auch hoffnungsvoll. Sister Psyches Arzt, der hervorragende Neurochirurg Dr. Elliot Jaeger, konnte gesteigerte Aktivitäten in ihren neurologischen Befunden und der Kernspintomographie nachweisen. Er berichtete auch von kurzzeitigem Auftreten von REM. Seine Prognose war vorsichtig: „Es schein, als befinde sie sich in einem Zustand post-traumatischer Amnesie, die Teil des Prozesses bei der Wiedererlangung des Bewusstseins darstellt.“
Man versammelte sich in Stille um ihr Bett, hielt nach Anzeichen Ausschau und betete für ein weiteres Wunder. Helden, Familie, Freunde – sie alle verband der gemeinsame Kampf, die Loyalität und die Ehre, ja, selbst Liebe. Sister Psyche war eine der ihrigen. Und sie war in einer großen Schwierigkeiten. Irgendwo tief in diesem regungslosen Körper spielte sich ein verzweifelter Kampf ab, ein seelisches Ringen, das gewonnen werden musste. Was sonst passieren würde, war kaum auszudenken.
Statesman wandte sich an Calvin Scott. „Mir ist bewusst, dass Sie dies aus Liebe zu Ihrer Frau getan haben“, sagte er. Scott wandte seinen Blick ab. „Sie hätten zu uns kommen sollen. Sie haben unseren Kurs einem ungewissen Ausgang entgegen gelenkt. Die Mächte, mit denen wir es hier zu tun haben sind …“. Statesman neigte sich und berührte Sister Psyches kühle Stirn. „Sobald dies vorbei ist, ist Ihr Helden-Dasein beendet, Mr. Scott. Ist das klar? Und was Aurora anbelangt, so ist es allein ihre Entscheidung, ob sie weiterhin dieser Stadt dienen will.“ Calvin Scott konnte nur nicken.
Aurora griff nach dem Arm ihres Mannes und ihr Körper begann sich in Zuckungen zu winden – „Es ist Psyche … wir werden auseinander gerissen!“
Die Monitore, die Sister Psyches Bett umgaben, verzeichneten massive Stöße von Hirnaktivität. Ihr Körper schoss in die Höhe. Dr. Jaeger ordnete an, dass man sie festhalte. Statesman stand regungslos, sein Gesicht war versteinert und ausdruckslos. Positron reichte seinem Freund die Hand. „Lass diese Leute ihre Arbeit verrichten.“ Statesman jedoch wich nicht von ihrem Bett.
Statesman wandte sich Positron und den restlichen Wartenden zu. „Sie ist stark“, sagte er. „Sie wird durchkommen.“ Er schaute Calvin Scott an. „Einer der Folgen Ihrer Taten gilt es besondere Beachtung zu schenken und, wenn nötig, darauf zu reagieren. Ich will einen vollständigen Bericht über die Aktivitäten von Malaise. Ich will, dass er rund um die Uhr bewacht wird. Jetzt, wo Sister Psyches Kontrolle über ihn gebrochen wurde, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er sich gegen uns wendet – wenn er das nicht bereits getan hat.“
Aurora ließ ein tiefes Stöhnen hören und schwankte auf unsicheren Beinen. „Sie ist fast völlig von mir gewichen … ich kann sie kaum fühlen.“
Statesman nickte. „Kehre heim, Shalice“, flüsterte er. „Kehre heim.“
Bemerkung: Dank des Einsatzes der vielen Helden von Paragon City gelang es Calvin Scott, den Geist seiner Frau von dem Sister Psyches zu befreien. Von Ausgabe Nr. 4: Kolosseum an wird Calvin Scotts Taskforce daher nicht mehr zur Verfügung stehen. Bis dahin können die Spieler, die sich dieser Taskforce stellen möchten, Calvin Scott in Independence Port finden.










