Lauert das Böse unter den Wellen von Croatoa?
Extrablatt
Paragon City, RI, 24. August, 2005
Eine Gastkolumne von Jackson Turner - Senior Times CorrespondentAls eine Sprecherin der People for the Humane and Non-violent Treatment of Monsters (PHANTOM) mich anrief, um gegen die offizielle Anerkennung von Salamancas Seeungeheuer als eine Bedrohung zu protestieren, war ich höflich genug. „Aber Sally ist ein gutartiger Plesiosaurus!“, flehte sie mich an. Ich dankte ihr für diese Information und das war es auch schon. Es gab einfach wichtigere Sachen zu erledigen. Das Problem „Sally“ war bestenfalls eine Fußnote auf Seite 12.
Paragonsches Dummschwätzergerede.
Und dann tauchte Skipper LeGrange auf. Autor, Folklorist, Parapsychologe und Kryptozoologe, Skipper stieß nie auf eine Phänomen, das er nicht verfolgen würde. „Wir müssen sie davon abhalten, Sally zu retten“, sagte er während er den Pferdeschwanz auf seinem Kopf schüttelte.
Das war nicht der Skipper, wie ich ihn kannte. Seine früheren Anstrengungen, andere bekannte Wassermonster zu schützen – unter ihnen British Columbias Ogopogo, Lake Champlains Champ, Oklahomas „Killer“ Oktopus und Lake Superiors Pressie – waren legendär. Sein Buch aus dem Jahre 1999 mit dem Titel Teufel in der Tiefe: Seeungeheuer unserer Geschichte wird als ein Klassiker angesehen. Und er war, nach allem, PHANTOM’s berühmtester Fürsprecher. Ich bemerkte, dass er nicht seinen überdimensionalen PHANTOM-Button trug. Ich fragte ihn, was das Besondere an der Sache wäre.
Er schob seine Brille nach oben. „Das Besondere? Pass auf, du verstehst es gerade nicht. Es tut mir wirklich weh, aber wie ich dem FBSA erzählt habe, ist Sally eine Bedrohung geworden. Mann, ich kann nicht glauben, dass ich das sage…aber sie muss gestoppt werden. Vernichtet!“
Meine journalistische Neugierde wurde geweckt. Obwohl ich Skipper nie wirklich rational denkend kannte, hatte seine Verrücktheit gewöhnlich eine Methode. Wenn Skipper dachte, dass Sally eine Bedrohung ist, dann musste mehr hinter der Story stecken als pure Spekulation.
“Wir müssen nach oben gehen”, sagt er während er seine Arme vor der Brust verschränkte. „Wir müssen die Wahrheit ans Tageslicht bringen.“ Es war ein Befehl, einer von dem ich wusste, dass ich ihn nicht ablehnen konnte.
Und das war, warum ich mich zwei Tage später bei den Docks von Salamanca befand, die in der Dunkelheit vor dem Morgengrauen schimmerten und mit einem verärgerten Bürgermeister Bower, der stetig murmelte: „Ich weiß Nichts von all dem.“ Ich starrte hinaus auf den nebelumwobenen See, fragte mich, wo Skipper LeGrange war und ob wir die gesamte Freedom Phalanx hätten einladen sollen, uns zu folgen. Ich muss zugeben, dass ich über eine Gesellschaft von Helden froh gewesen wäre.
Wir hörten ein tiefes Grollen von Motoren in der Entfernung. Durch den Nebel und die Dunkelheit hindurch schwebten scheinende Lichter auf uns zu. Bis auf ein Schnurren längs des Docks nachgebend, winkte uns Skipper von der fliegenden Brücke der Scylla, seiner 47 Fuß langen Grand Banks Eastbay, aus zu. Auf dem Achtermast flatterte eine zerfledderte Piratenflagge. „Bereit?“, rief er.
Skipper kletterte auf das Deck hinab und gab mir eine alte Armeejacke, eine Erste-Hilfe-Ausrüstung und einen Tarnhut. Er trug eine dunkelblaue Einsatzweste über einem blassen Pilotenanzug und etwas, das wie eine Infrarotausrüstung aussah, auf seinem Kopf. Er inspizierte mich und seufzte: „Mann, wirf wenigstens die verdammte Krawatte weg.“
Er klatschte auf die Reling des Bootes. „Als du das letzte Mal die Scylla gesehen hast, war es während der Untersuchung des Geisterschiffes. Ich hab die sogar noch mehr modifiziert.“ Ich sagte ihm, dass sich seine Bücher wohl sehr gut verkaufen würden. Aber wie kam die Scylla hierher? Man kann hier nicht einfach mit einem Kreuzer im Schlepptau herfahren. „Luftbrücke“, sagte er, als wir auf die fliegende Brücke kletterten. „Ein Freund von mir hat einen modifizierten Chinook, den er mir von Zeit zu Zeit leiht.“
Wir winkten dem finsteren Bürgermeister Bower, der zurückschrie: „Ich weiß nichts über dies hier, Jungs! Falls ihr nicht in 24 Stunden zurück seid…“
Skipper salutierte. „Nie Angst zeigen!“. Und damit stupste er die Regler in den Rückwärtsgang und rutschte vom Dock. Schon bald waren wir umgeben vom wirbelnden und kalten Nebel. Die ganze Welt war feucht und dampfig. Skipper deutete auf das High-Tech Display, dass die ganze Brücke umgab. „Ich habe neues Breitbandradar, vorwärts und seitwärts scannendes Sonar und HD Digitalvideo an Front und Heck. Mit 700PS Zwillingsdiesel schaffen wir mit Leichtigkeit mehr als 30 Knoten.“ Ich fragte ihn, halb zum Spaß, wo sich das Waffensystem befindet. Sein Lächeln, im schummrigen Leuchten der Anzeigen, sah leicht unheimlich aus. „Das ist geheim.“
Wir fuhren Richtung Norden, unsere Lichter ausgeschaltet. „Dort ist eine Insel Steuerbord“, sagte er. „Wir werden ihr wohl lieber fern und in tiefen Gewässern bleiben.“ Der Nebel begann, sich zu lichten als wir uns neben einer kleinen bewaldeten Insel befanden. Ostwärts wurde der Himmel zu einer fahlen Schieferplatte.
Skipper stieß mich mit dem Ellenbogen und bot mir ein Nachtsichtgerät an. „Siehst du sie?“. Beleuchtet in hellem Rot und Grün schlenkerten die großen mit Geweihen bestückten Jäger des Tuatha de Dannon die Küste entlang. „Sie werden nicht weiter herauskommen“, sagte Skipper. „Aber es ist immer noch Ärger um uns herum. Tuatha überwiegend im Misty Wood. Fir Bolgs draussen bei New Connaught. Die Kabale oben bei Sunset Ridge, die Grim Vale und Broken Teeth Rotkappen überall.”
Es gab ein unheilvolles Leuchten im Nordosten, gefolgt von einem leichten Donner. Skipper sah von seinen Anzeigen auf. „Die Kabale und die Rotkappen haben einen kleinen Kampf. Dieses ganze Croatoa-Ding ist ein wirklich schlechtes Karma.“
Als einer seiner Sensoren zum Piepen anfing, bückte sich Skipper zum LCD-Bildschirm hinüber und fing an, auf Tasten herumzudrücken. „Ein Echozeichen auf dem Sonar, nordwärts.“ . Er sah auf Richtung Vorschiff. „Vielleicht gar nichts. Es ist tief hier und die Sprungschicht ist unsicher.” Nach einer Weile ereignislosen Segelns verlangsamte Skipper die Scylla und stoppte sie ungefähr 500 Yards südwestlich einer viel größeren Insel. Er gab mir ein großes Fernglas. „Wir warten ab und sehen uns an, was passiert.“. Er stürzte sich in den Stuhl des Kapitäns und warf mir einen Müsliriegel zu.
Als die Nacht den Weg für ein düsteres Morgengrauen freigab, war die Stille, die uns umgab, bedrückend. Der See war völlig still, sein Wasser wie dunkles Glas. In der Entfernung schwebten längs von Misty Wood kleine Lichtbälle durch die Bäume. Ich wollte gerade etwas über die Lichter sagen, als die Anzeigen auf der Brücke alle anfingen zu Piepen und zu Brummen. „Warte!“, brüllte Skipper als die Scylla plötzlich nach oben gehoben wurde. Skipper kam wieder auf die Beine, prüfte seine Videokameras und schaute durch ein Fernglas. Ich folgte dem. Entlang der Westküste der Insel hatte sich eine Gruppe von Rotkappen am Ufer versammelt. Sie sahen aus, als würden sie tanzen. Als das Wasser abseits des Ufers begann, sich zu trüben und aufzupeitschen, wurde das Tanzen der Rotkappen richtig wild. Ein Reptilienkopf erhob sich aus dem See, gefolgt von einem langen kurvenreichen Hals. Sally sah aus wie ein Plesiosaurus. Als sie sich in Richtung der Rotkappen begab, wurde sie unruhig und warf ihren Kopf hin und her. Ein blasses grünes Licht ging von den Rotkappen aus und Sally brüllte. Einige der Kabale fielen aus der Luft und begannen, die Rotkappen zu attackieren. Sally stürzte nach vorne und zog hungrig zwischen die schwächlichen Hexen.
“Verdammte Rotkappen”, sagte Skipper während er sich an die Zwillingsmotoren der Scylla klammerte und das Rad hart nach links drehte. „Sie verderben sie! Machen eine Waffe aus ihr! Sallys Kopf drehte sich plötzlich in unsere Richtung und brüllte. Sie tauchte unter. „Oh, Mist!” Skipper stieß die Hebel nach vorne, das Vorschiff der Scylla erhob sich aus dem Wasser und die Piratenflagge knackte wie Gewehrschüsse. Im Festhalten fragte ich, wie schnell Sally schwimmen kann. „Hoffentlich nicht schneller als 30 Knoten“, antwortete Skipper. Sallys Kopf erschien ca. 100 Yards von unserem Heck entfernt und kam schnell näher. Sie biss ins Wasser, und ich konnte Reihen gezackter Zähne erkennen.
Sally tauchte abermals unter. “Drück den großen grünen Knopf”, befahl Skipper. “Unter den Videomonitoren.”. Ich drückte ihn und zwei fußballgroße Schalen an Kabeln kamen aus den Seiten des Bootes. „Gegenmaßnahmen“, schrie Skipper. „Stell dir einfach vor, Sally verwendet eine Art Bio-Sonar. Die Schalen senden eine falsche Sonarreflexion unseres Bootes aus. Hoffentlich verwirrt es sie.“ Ich fragte ihn, was der rote Button daneben bedeutet. „Unterwasserbomben“, sagte er fachmännisch.
Wir schlugen unseren Weg nach Süden in einer Bugwelle aus kaltem Seewasser ein. Zeitweise konnte ich das Dorf durch den zerrissenen Nebel und das aufhellende Tageslicht sehen. Ich senkte meine Schultern und sah zurück. Kein Zeichen von Sally.
Nach dem Andocken nahmen sich Skipper und ich einen Moment Zeit, um unsere Erfahrungen Revue passieren zu lassen. „Nun, das war interessant“, sagte Skipper schließlich. Und dann zog er eine Grimasse. „Sie wurde in ein wahres Monster verwandelt. Wir können sie nicht retten. Sie muss besiegt werden.” Ich sah über den See und fühlte eine schmerzliche Betrübnis. Diese einst wunderschöne Gegend verwandelte sich langsam in einen Alptraum. Skipper sagte mir, dass er hierbleiben und die Situation beobachten werde. Ich nickte, meine Augen auf den See verweilend; Ich hoffte, Sally würde den Frieden finden, den sie so verdiente.










