Der Kalte Krieg
In den fünfziger Jahren begannen die NATO und der Warschauer Pakt ein tödliches internationales Katz-und-Maus-Spiel, das noch Jahrzehnte andauern sollte. Beide Seiten glaubten fest daran, dass die andere unbedingt ihre Lebensart zerstören wollte, und bis zu einem gewissen Punkt hatten beide Recht. Neben dem Wettrüsten, der Manipulation der Dritten Welt und wilder Spionage versuchten beide Seiten außerdem, ihre Superhelden so gut wie möglich gegen den Feind einzusetzen.
In nur wenigen Jahren schaffte es die US-Regierung, vom Lob der Helden als Retter der freien Welt zur Furcht vor ihnen als mögliche Schurken oder, noch schlimmer, Kommunisten umzuschwenken. Das zweite Bürgerwehrgesetz bot denjenigen, die in Paragon City ordnungsgemäß registriert waren, Legitimität und eine gewisse Sicherheit vor der Verfolgung. Für die Helden, die sich gegen eine Registrierung sträubten, um ihre geheimen Identitäten zu schützen oder die in anderen Gesellschaften lebten, wurden die USA ein ungemütlicher Ort zum Leben. Und Paragon City war da keine Ausnahme.
Im Jahr 1956 billigte der Kongress das Macht-für-Recht-Gesetz. Dieses Gesetz proklamierte übermenschliche Individuen und Ordnungshüter als wertvolle nationale Ressource, die ohne vorherige Ankündigung in den Dienst der Regierung der Vereinigten Staaten eingezogen werden durften. Im nächsten Jahrzehnt verpflichteten CIA, FBI und das Verteidigungsministerium die Helden routinemäßig zum Dienst, sowohl zu Hause als auch im Ausland. Die meisten halfen gern, aber es gab zweifellos auch unzählige Missbrauchsfälle dieses Gesetzes. Helden mit unpopulären politischen Meinungen fanden sich auf Selbstmordmissionen in Osteuropa wieder. Helden aus Minderheitenschichten litten in dieser Zeit unter besonderer Diskriminierung und wurden häufig monate- oder jahrelang zu geheimen Aufträgen gezwungen, für die sie jeglichen Kontakt zu ihren Familien oder Angehörigen aufgeben mussten.
Von 1956 bis 1966 wurde der Großteil dieser zwangsweise eingezogenen Helden in einem heimlichen Krieg gegen die Sowjetunion eingesetzt. Während öffentliche Heldenorganisationen wie die Freedom Phalanx und die Dawn Patrol ihren scheinbar endlosen Krieg gegen die kostümierten Schurken fortsetzten, fanden sich viele der “unbekannteren” Helden Amerikas im Kampf hinter dem eisernen Vorhang oder im Dschungel Südamerikas oder Südostasiens wieder, wo viele ihren Tod fanden. Obwohl diese Kämpfe, die von beiden Seiten mit Verbissenheit verfolgt wurden, kaum den Status quo bewahrten, gingen sie häufig auf Kosten der örtlichen Bevölkerung und Regierungen.
So verfassungsmäßig dubios diese Verfahrensweise auch war, bauten die USA ihre Aktionen jedoch nicht ausschließlich auf Paranoia auf. Die Sowjetunion hatte ihr eigenes, sogar noch menschenverachtenderes Programm für die Einziehung übermenschlicher Spione und Einsatzagenten geschaffen. Durch eine Reihe medizinischer Experimente, die häufig tödlich oder entstellend waren, konnten die Sowjets ihre eigenen Elitekader aus Helden zusammenstellen. Sie kämpften in diesem Kalten Krieg an der vordersten Front, Angesicht zu Angesicht mit den US-Helden in einem heimlichen Krieg, von dessen Existenz die Öffentlichkeit kaum etwas wusste. Gelegentlich rückte ein übermenschlicher Kampf ins Auge der Öffentlichkeit, aber größtenteils blieben die Siege und Niederlagen unbeachtet.
Das Macht-für-Recht-Gesetz wurde schließlich 1967 aufgehoben, als ein Fall von drei farbigen amerikanischen Superhelden vor den obersten Gerichtshof gebracht wurde. Das oberste Gericht befand das Gesetz für gänzlich verfassungswidrig und ordnete die sofortige Beendigung aller Operationen mit Eingezogenen des Macht-für-Recht-Gesetzes an. In der Realität dauerte es fast drei Jahre, bis auch der Letzte von seinem Dienst befreit wurde, da viele der Eingezogenen tief in geheime Operationen verstrickt waren, die die Regierung nur widerwillig aufgab.
In den siebziger Jahren erreichte der Kalte Krieg seinen Höhepunkt. Beide Seiten hatten Scharmützel zwischen ihren geheimen Supersoldaten schon lange als außerhalb der normalen Kanäle und nicht notwendigerweise als Grund für einen internationalen Vorfall angesehen. Öffentliche Heldenorganisationen wie die Freedom Phalanx oder die sowjetischen Beschützer des Mutterlandes waren eine andere Sache. Diese Gruppen arbeiteten in der Weltöffentlichkeit und alles, was sie taten, zog zwangsläufig Medienaufmerksamkeit und politische Folgen nach sich.
Dies wurde im Jahr 1976 besonders offensichtlich, als die Welt fast die Schwelle zur vollständigen nuklearen Vernichtung überschritt. Ein Spionageflugzeug der USA, das die Sowjetunion überflog, wurde von einem der fliegenden Helden der Beschützer des Mutterlandes abgeschossen. Die Mannschaft überlebte und konnte ein Notfallsignal senden. Das Flugzeug hatte einen der wenigen aktiven übermenschlichen Soldaten der Air Force an Bord, einen Codeknacker und Psioniker namens Captain Gerald Mynor. Captain Mynor hatte seine psionischen Angriffe genutzt, um den sowjetischen Helden außer Gefecht zu setzen. Aber dies verschaffte ihm und seiner Mannschaft nur ein paar Stunden Sicherheit, bevor die übrigen russischen Helden vor Ort erschienen.
Die US-Air Force hatte nur wenig Zeit zum Handeln und bat um die Hilfe von Statesman, dem Anführer der Freedom Phalanx, die sie auch erhielt. Statesman nutzte die Technologie der Freedom Phalanx, um sich in die UdSSR zu teleportieren und die Mannschaft zu finden, bevor es die sowjetischen Helden konnten. Er wurde in ein Gefecht mit einem Trupp der russischen Superhelden verwickelt, in dessen Verlauf einige von ihnen verletzt wurden, bevor er mit dem Air Force-Personal und Mynor im Schlepptau in die Luft entkommen konnte. In seiner Wut darüber, dass der sonst unerreichbare Statesman entkommen war, nachdem er die Beschützer des Mutterlandes beschämt hatte, ergriff der befehlshabende General drastische Maßnahmen. Er feuerte einen taktischen Nuklearsprengkopf auf Statesman ab, als dieser über die Grenze floh.
Die Waffe detonierte über Finnland bei ihrem Ziel. Mynor und die übrige Mannschaft starben sofort und Statesman selbst überlebte nur knapp. Die NATO reagierte auf den Angriff, indem sie alle Nuklearstreitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzte und einen Gegenschlag vorbereitete. Die Sowjets versetzten ihre Nuklearwaffen ebenfalls in Bereitschaft. Die Vereinigten Staaten antworteten darauf, indem sie den Start eines im Weltraum stationierten, von übermenschlichen Wissenschaftlern und Soldaten entwickelten und bemannten Raketenabwehrsystems vorbereiteten. Sowjetische Hellseher entdeckten den geplanten Start und die Russen erkannten, dass sie bald keine Chance mehr haben würden – sie starteten einen begrenzten Nuklearschlag, der darauf ausgelegt war, den Satelliten auszuschalten, bevor er gestartet war und einsatzbereit werden würde.
Die größten Helden der Welt, die deutlicher als jede Regierung sehen konnten, was geschehen würde, übernahmen es selbst, den Wahnsinn zu stoppen. Organisiert von Mitgliedern der Dawn Patrol und der Freedom Phalanx übernahm eine Gruppe von zwei Dutzend internationaler Helden das Ruder. Sie neutralisierten sowohl die Weltraumrakete der Amerikaner als auch die Raketen der Sowjets, bevor beide vollständig einsatzbereit waren, und schickten der Welt eine Nachricht: Sie würden solch ein Verhalten nicht tolerieren. Hero One (Großbritanniens führender Held und Vorgänger von Vanguards Hero 1) trat ins Rampenlicht, um über eine friedliche Lösung der Krise zu verhandeln.
Auch wenn die involvierten Regierungen den Helden gegenüber zurückhaltend reagierten, verehrte die Welt im Großen und Ganzen die Helden – soweit es die Öffentlichkeit betraf, waren sie wirklich die Retter der Welt.
Dieser Vorfall kennzeichnete den Anfang eines Umbruchs in der engen Zusammenarbeit der Regierungen und Heldenorganisationen, die so charakteristisch für die Zeit nach dem Krieg war. Die vielen Vorfälle des Kalten Krieges hatten den Helden gezeigt, dass sie häufig besser außerhalb der Richtlinien und Politik der Regierungen arbeiten. Sie begannen, sich selbst als eine Art fünfte Macht zu betrachten, als Wächter nicht nur über die Sicherheit der Welt und das physische Wohlbefinden, sondern auch über die Rechte der Menschheit als Ganzes.











